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Der Vortrag
"Ick hev een
Offenbarung hatt!"
Vortrag von Prof. DDr. Hubertus Lutterbach über
das Täuferreich in Münster
Eine bessere Einführung in die Zeit der Wiedertäufer hätte es nicht sein können:
Kaum vier Tage vor der Performance "Der König von Münster", mit der das Kardinal-
von-Galen-Gymnasium an die Wiedertäufer erinnern will, hielt Täufer-Experte
Professor Hubertus Lutterbach am Montagabend in der Dominikanerkirche vor rund
200 Zuhörer einen Vortrag über das Täuferreich von Münster. Lutterbach gelang es
mit seinem mitreißenden Vortrag das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Er erklärte
das Aufkommen der Täuferbewegung aus dem Leben und der geistigen Verfassung
der damaligen Stadt und begründete, woran diese schließlich scheiterte.


Im 16. Jahrhundert wechselte Münster innerhalb von nur fünf Jahren drei Mal das
christliche Bekenntnis: von Römisch-katholisch zu Protestantisch, von Protestantisch
zu Täuferisch, von Täuferisch (zurück) zu Römisch-katholisch. Es waren überaus
bewegte Zeiten.

Mag man den Schritt Münsters in den lutherischen Protestantismus noch als einen
Fortschritt werten, dann ist das Aufkommen der Täufer letztlich ein Rückschritt in die
Anfänge von Religion, in die personelle Einheit von Glauben und Herrschaft in der
Figur eines "Königs von Münster". Seine Macht leitete er als Prophet aus seiner
Nähe zu Gott und seinen Offenbarungen ab, mit denen er sein fundamentalistisches
Denken und Handeln sowie die Willkür seines Terrorregimes legitimierte und damit
geradewegs in den Untergang steuerte.

Professor Lutterbach hielt den Zuhörern vor Augen wie Münster zu Beginn des 16.
Jahrhunderts verfasst war. "Die Stadt war organisiert wie ein mittelalterliches
Kloster." Von den rund 9.000 Bewohnern der Stadt waren etwa 900 Kleriker, die
durch den "Zehnten" der erwerbstätigen Bürger bezahlt und vorsorgt wurden.
Während also die einen im Schweiße ihres Gesichtes arbeiteten, konnten die
anderen "im Dienste aller beten" und damit für das Heil der Gemeinschaft sorgen.
Widerstand tat sich auf, als der Klerus im Handwerk zusätzliche Einnahmequellen
auftat und die Gewinne auch noch steuerfrei für sich nutzen wollte. Für Lutterbach
war damit der Nährboden für die Reformation gelegt.

Der Kirchengeschichtler malte zum Verständnis der Zeit ein deftiges Bild der Stadt,
die sich als sicherer Hort vor allem durch Anzahl der innerhalb der Stadtmauern
vorhandenen Reliquien und Kirchen ebenso wie die Zahl der Priester und der
klösterlichen Gemeinschaften auszeichnete. Städte mit vielen Reliquien und Kirchen
– Gotteshäuser hier auch verstanden als Wohnstätten der Heiligen – samt einer
Vielzahl geweihter Diener an den Heiligtümern sowie heiliger Festzeiten galten als
besonders attraktiv und versprachen mit Blick auf das diesseitige und das jenseitige
Leben mehr Schutz als Orte mit wenigen oder unbedeutenden Reliquien. "Was in
jenen Zeiten zählte, war die Menge der Knochen, die man aufzubieten hatte."

Nachdem das hergebrachte Konzept der Zuwendung zu Gott durch reformatorische
Prediger mehr und mehr in Frage gestellt wurde, wandelte sich die Gottgefälligkeit in
entscheidender Weise. Die Lutheraner sahen als Medium der Verbindung zwischen
Himmel und Erde vor allem das göttliche Wort, "welches – ihrer Überzeugung nach –
im Himmel und auf Erden gleichermaßen erklingt und angenommen werden will." In
dieser Zeit waren denn auch nur eine Handvoll Prediger in Münster zugelassen. Die
Protestanten hielt die Zahl der Kleriker in der Stadt für unerträglich.

Ursprünglich glaubten auch die Täufer ihre Nähe zum Himmel in dem ihnen
himmlisch geschenkten und gläubig-tätig zu befolgenden Wort Gottes und in der
Heiligen Schrift begründet. Alsbald jedoch gaben sie sich mehr und mehr überzeugt,
dass der göttliche Herr ihnen weitere himmlische Signale gebe, näher hin
wegweisende kosmische Zeichen sowie himmlische Prophetien.

Entscheidend für die Durchsetzungsfähigkeit der Wiedertäufer war die bereits
vorgelebte Verbindung von geistlich-spiritueller Macht und politischer Ordnung. Der
Bischof hatte als der oberste Geistliche des Bistums zugleich das Amt des
Landesherrn inne. An die Stelle von Bischof und Stadtrat traten bei den Täufern der
Prophet und der "König von Münster" als der neue Heilsmittler. Seine weltliche
Herrschaft stütze er auf ihm geoffenbarte Kumpanen.

Mit den Täufern wurde die Offenbarung zum Medium für eine göttlich vermittelte
fundamentalistische Herrschaftsordnung. Wer sich gegen die göttliche Stimme,
gegen die Offenbarung wendete, war des Todes.

Im Gottesstaat auf himmlisch erwähltem und sakral ausgestaltetem Boden, in heilig
geglaubter Zeit, mit einem priesterlich verstandenen Königtum, auf der Basis eines
göttlich geoffenbarten Rechts und mitgetragen durch visionär und zugleich
selbstgefällig auftretende Amtsträger konnten Kritiker genauso wenig geduldet
werden wie Ungläubige. Die Entscheidung für den Glauben duldete kein "nein" und
kein "vielleicht". Derjenige wurde vom Leben zum Tode befördert oder im günstigsten
Falle einfach aus der Stadt gejagt. Professor Hubertus Lutterbach brachte es auf den
Punkt: "Somit waren die Täufer von Münster – zumindest in ihrer Endphase – der
Zeit nicht voraus, sondern dieser vielmehr hinterher."


Dr. Jörg Bockow
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