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Die Vernissage
Künstler sind Erzieher –
Erzieher werden zu Künstlern
"Der König von Münster" als ein kunstpädagogisches Modell
Meine sehr geehrten Damen und Herren, der Gedanke mag eine Binsenwahrheit sein, in diesem Falle ist er bedeutungsvoll:
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Die Leistung des Ensembles
nährt sich aus der Vielzahl von Einzelleistungen und doch reicht jene über diese
hinaus.

Mit der Installation und Performance "Der König von Münster" ist etwas entstanden,
was selbst der Initiator und Ideengeber, Michael Rickert und keiner der Beteiligten,
vom Kreativ-Team aus Frau Dr. Gremmler, Frau Dr. Stiglic und Frank Bennemann
bis hin zu den 161 Mitwirkenden letztlich für möglich gehalten hätten.

Meine Damen und Herren, wer am vergangenen Freitagnachmittag auf dem
Lambertikirchplatz zugegen war, wurde Zeuge einer beeindruckenden
Kreativleistung und eines überzeugenden, fächerübergreifenden
Gemeinschaftsprojektes.

Da ging keine bloße Schulaufführung "über die Bühne", bei der eine Vielzahl von
Schülerinnen und Schülern in bunten Kostümen vor historischer Kulisse herum
hopsten, musizierten, tanzten und deklamierten – ohne so etwas hier herabwürdigen
zu wollen –, sondern den Zuschauern wurde mit einer intelligenten Collage aus
Installation und Performance ein echtes Kunstwerk präsentiert.

Dass in weiten Teilen Schülerinnen und Schüler mit ihrem Einsatz für das Gelingen,
die besondere Ausstrahlung und den Charme dieses Kunstwerk verantwortlich
waren, schmälert diese Bewertung nicht, sondern umgekehrt lässt diese noch
deutlicher hervortreten.

"Der König von Münster" war im doppelten Sinne des Wortes ein Lehrstück. Was
haben wir gesehen? Was haben wir erfahren? Zu sehen gab es eine Installation aus
rund 50 lebensgroßen Skulpturen, die für sich schon überraschend und
staunenswert war. Das Ensemble aus schneeweißen Figuren hätte den Besuch des
Kirchplatzes alleine schon gerechtfertigt. Eine derartige Installation hat es in der
Stadt der internationalen Skulpturenausstellungen bislang noch nicht gegeben.

Hinzu kam eine Performance, die sich durchaus gewollt in einem Spannungs-
verhältnis zu den Skulpturen entwickelte. Alt trifft Jung. Die Vergangenheit entzaubert
sich aus dem Blickwinkel der Gegenwart.

Das Ensemble der Skulpturen stellte eine Szenerie nach, die sich tatsächlich so oder
in ähnlicher Form an dieser Stelle zugetragen haben könnte. Die Inthronisation des
Jan van Leiden, der umgeben ist von seinen Frauen und seinem Hofstaat. Die
Krönung findet statt vor den Augen zweier Duzend von Bürgern der damaligen
Stadt.

Die Schülerinnen und Schüler haben sich – wie wir hier in dieser Ausstellung
eindrucksvoll nachvollziehen können – in minutiösen Vorarbeiten, künstlerisch-
handwerklichen Vorstudien und umfangreichen Recherchen um Naturalismus
bemüht. Die Größe der damaligen Menschen wurde zentimetergenau rekonstruiert,
Kleidung, ja selbst die Haartracht der Renaissance authentisch modelliert. Das war
über Wochen und Monate akribische Detailarbeit.

In der inneren Kommunikation und der Beziehung der Figuren und Figurengruppen
zueinander steckt die neuzeitliche Betrachtungsweise. Daraus entwickelte sich für
die Schüler das Verständnis für das Besondere dieser Zeit. Auf den ersten Blick
mögen die Figuren und Gruppen so in ihren Bewegungen erstarrt zu sein, als sei die
Lavaasche des Vesuvs nicht auf Pompeji, sondern 1534 ausgerecht bei der
Krönung des "Königs von Münster" auf die Stadt der Wiedertäufer niedergegangen.
Aber wirkt diese Momentaufnahme nicht zugleich wie eine Familienaufstellung, mit
der das Bewusstsein für systemische Beziehungsgeflechte und familiäre
Zusammenhänge aufgedeckt und therapeutisch bearbeitet werden kann?!

Meine Damen und Herren, lassen wir nun noch einmal die Performance Revue
passieren. Die Aufführung wurde eröffnet mit einer Irritation, mit einem Ver-
fremdungseffekt: Die Figur des Michael Jacksons trat auf, tanzte und warnte das
Publikum mit seinem bekannten Song: "Beat It" (Auf gut Deutsch heißt das: Hau ab!
Oder: Weist es zurück!).

Waren damit die Wiedertäufer gemeint, die anschließend das Wort ergriffen? Was
aber hatte ausgerechnet der King of Pop mit den Täufern von Münster vor 475
Jahren zu tun?

Die Gegenüberstellung war inhaltlich motiviert durch den Jahrestag: Hier die 475.
Wiederkehr der martialischen Überwindung des Täuferreiches zu Münster, dort der
erste Todestag des King of Pop. Der Zuschauer war gefordert, einen Zusammen-
hang herzustellen.

Vielleicht sagte Michael Jackson etwas über die Figur des Jan van Leiden aus? Oder
umgekehrt? Die Distanzierung war gelungen. Ebenso wie durch den Auftritt der
stimmgewaltigen Opernsängerin, Frau Schnegelsiepen-Sengül, die zwei Arien aus
der Meyerbeer-Oper "Le Prophéte" sang. Ihr Auftritt war in diesem Zusammenhang
das Medium, um den Zuschauer durch Irritation erneut in eine kritische Perspektive
zu versetzen. Bertold Brecht ließ grüßen.

Meine Damen und Herren. Das Projekt hat im Verlauf der letzten Monate eine
Eigendynamik entfaltet, der alle beteiligten Lehrer des Kardinal-von-Galen-Gymna-
siums verfallen sind, ebenso die beteiligten Schülerinnen und Schüler, die plötzlich
ein Ganzes vor Augen hatten und die den gemeinsamen Auftritt vor der
Öffentlichkeit als einen besonderen Ansporn, eine Herausforderung, ja auch als
Wagnis erfuhren.

Die Spannung, die dabei entstanden ist, zeichnen Installation und Performance als
ein besonderes Lehrstück aus. Wo sonst im Schulalltag gibt es einen vergleichbaren
Ernstfall, an der Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrerinnen und Lehrer
gleichermaßen teilhaben und gewissermaßen in einem Boot sitzen? Die meisten
Beteiligten haben sich weit über Normalmaß hinaus engagiert. Viele haben sich in
ihrer Freizeit, an zahllosen Nachmittagen und – wie man hört – nicht zuletzt in
schlaflosen Nächten an diesem Projekt beteiligt.

Bereits im Entstehungsprozess entfaltete die Eigendynamik für alle Beteiligte etwas
Einzigartiges. Die beiden Aufführungen am vergangenen Freitagnachmittag waren
gewissermaßen der krönende Abschluss. Ich mutmaße einmal: Die beteiligten
Schülerinnen und Schüler werden sich, wenn sie später einmal über ihre Schulzeit
nachdenken, mit hoher Wahrscheinlichkeit, genau an dieses Projekt und die
gemeinsamen Erfahrungen erinnern. Übrigens nicht bei allen unbedingt euphorisch
und nur positiv, denn wie wir wissen, führen Ansprüche, Erwartungen und
Forderungen, die durch ein solches Projekt an den Einzelnen gestellt werden
mitunter auch zu Protest und Verweigerung, zu Motzerei und Trotz. Offenbar ist es
trotz intensiver Bemühungen unmöglich, wirklich alle in einem solchen Projekt mit-
zunehmen und gleichermaßen zu begeistern.

Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, wie es Ihnen mit den Erinnerungen an Ihre
Schulzeit geht?! Ich selbst bin immer wieder erschrocken, dass diese 13 Jahre, bei
mir waren es derer sogar 14, inzwischen zu einem dürren Häuflein an Halbwissen
und Buchweisheiten zusammengeschnurrt sind. Allenfalls würde es für die ersten
Gewinnstufen bei "Wer wird Millionär" reichen.

Ein paar Merksätze sind noch präsent. Drei – drei – drei, bei Issos Keilerei. Gallia est
omnis divisa in partes tres. A-Quadrat plus B-Quadrat gleich C-Quadrat. Beim Drei-
satz wird's aber schon schwierig. Die Stichworte Exponentialrechnung, Trigono-
metrische Funktionen und Kurvendiskussion lösen – bei mir zumindest – schiere
Ratlosigkeit aus.

Ich vermute, meine Damen und Herren, lebhaft werden auch Sie sich nur an jene
Momente erinnern, wo Lernen und Erfahrungen, Aktion und Emotionen zusammen
kamen. Und zwar neben oder ganz und gar außerhalb des offiziellen Lehrplanes.
Habe ich Recht? Am besten in der Kombination mit derben Streichen, die einen an
herrliche Szenen aus der "Feuerzangenbowle" denken lassen.

Ich für meinen Teil erinnere mich an eine Handvoll Schulstreiks, an eine Fuhre Sand
vor dem Schultor und das auf vier Mülleimern platzierte Auto des verhassten Mathe-
matiklehrers.

Resümierend ist Schulzeit doch auch ganz viel verplemperte Lebenszeit. Vertan in
grauem, trostlosen Alltagstrott. Dabei weiß ein jeder aus eigener Erfahrung: Wer
wirklich etwas lernen will, der lernt schnell, ungemein viel und nachhaltig. Deswegen
glaube ich auch nicht, dass es notwendig ist, Schülerinnen und Schüler zwölf oder
dreizehn Jahre zu kasernieren, um am Ende ein so mageres Resultat zu
bekommen.

In meinen Augen steht das System Schule vor seiner schwersten Bewährungsprobe.
Die Frage steht im Raum: Brauchen wir überhaupt Schule?! Brauchen wir diese
Form von Schule?! Also ein System, das so wirklichkeitsfremd und anachronistisch
ist wie das unsere, eine Schule, die so wenig bildend und so wenig vorbereitend auf
Leben und Beruf ist?!

Sie werden mir zustimmen: Schule sollte vor allem Sinn stiften und Zusammenhänge
erklären, Verständnis für das Ganze wecken und Kompetenzen entwickeln. Wenn ich
mir aber ansehe, mit welchen Anforderungen das Lehrpersonal und die Schüler
heute durch die Lehrpläne konfrontiert werden, so drängt sich mir der Eindruck auf,
Schule wird heute mehr denn je von dem Paradigma des Nürnberger Trichters oder
dem Bild eines PC inspiriert. Es geht im Wesentlichen um Input, um möglichst viel,
gut messbares und evaluierbares, sprich objektiv bewertbares Wissen.

Die Stichworte unserer Tage heißen, speziell nach dem Pisa-Schock: Lernstand-
erhebung, zentrale Abschlussprüfung in Klasse 10, Zentralabitur. Normen statt
Werte. Darüber sind unsere Lehrerinnen und Lehrer zu einer Art TÜV-Prüfer der
Kultusbürokratie geworden. Die Ausprägung von Individualität und individuelle Per-
sönlichkeitsentwicklung bleiben auf der Strecke, weil alle Schüler – um der wissen-
schaftlichen Objektivität willen – kurzerhand über einen Kamm geschoren werden
müssen.

Ein Großteil der Arbeitszeit unserer Lehrerinnen und Lehrern wird weder von Unter-
richtsvorbereitungen, von Unterricht und der Sorge um die Bildung von Schülern
gefüllt, sondern geht bei der Entwicklung, Kontrolle und Bewertung von Tests,
Klausuren und Abschlussarbeiten drauf. Dass Lehrerinnen und Lehrer notorisch
über ihren Job klagen, hat seinen Grund vor allem in dieser entnervenden
Sisyphusarbeit und Buchhaltertätigkeit.

Fast scheint es so, als wenn der bekannte Sinnspruch des Seneca wieder zu seinem
ursprünglichen Sinn gefunden hätte – freilich in einer ganz und gar pervertierten
Weise: "Nicht für das Leben lernt ihr – sondern für die Schule!"

Warum habe ich dieses hier so zugespitzt skizziert? Weil ich der Überzeugung bin,
dass kulturelle Bildung, musische und künstlerische Erziehung in einem von Wissen
dominierten Fächerkanon eine immer größere Bedeutung bekommen sollte, nicht
alleine als ein Gegengewicht, mehr noch als organisierender und sinnstiftender Be-
standteil.

Ästhetische Erziehung – wie sie in diesem fächerübergreifenden Großprojekt "Der
König von Münster" auf vorbildliche Weise realisiert wurde – ermöglicht genau die
Erfahrungen, die über evaluierbare Lernziele hinaus, soziale Kompetenzen und
Lebensfähigkeit vermitteln, Sinn stiften und Zusammenhänge begreifbar werden
lassen, Motivation schafft, Selbsterfahrung ermöglicht und das Selbstwertgefühl
stärkt. Ästhetische Erziehung ist kein Appendix oder ein Nice-to-Do, sondern ein
essentieller und unabdingbarer Beitrag zur Bildung unserer Kinder.

Insofern bin ich davon überzeugt, dass die Installation und Performance "Der König
von Münster" für die allermeisten der beteiligten 161 Schülerinnen und Schüler mit
gutem Grund ein ebenso unvergessenes wie nachhaltiges Erlebnis bleiben wird.

Um es noch weiter zuzuspitzen: Für mich ist das Projekt "Der König von Münster" ein
Paradigma für gelungene ästhetische Erziehung, in der der Künstler zum Erzieher
und der Erzieher zum Künstler wird.

Ich möchte dem Kardinal-von-Galen-Gymnasium gratulieren, dass sich mit derartigen
Projekten in die Öffentlichkeit wagt und genau dadurch sich als eine pädagogische
Institution in Münster profiliert, in der bildende Kunst, Musik und Schauspiel einen
breiten Raum einnehmen. Weiter so! Kulturelle Bildung tut not!

Dr. Jörg Bockow
29. Juni 2010


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