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Presse
50 Wiedertäufer-Skulpturen aus
Papiermaché
HILTRUP Beständiges Tropfen hallt durch die Kellerräume des Kardinal-
von-Galen-Gymnasiums (KvG). Plopp, plopp. Kalkweiße, lebensgroße
Skulpturen stehen und hängen im Flur unter kaltem Neonlicht, sodass
man sich nur schwer einen Weg durch die Gänge bahnen kann.



Die Menschen der Renaissance waren etwas kleiner als heute. Diesen Umstand
berücksichtigen die Gymnasiasten bei der Gestaltung der Skulpturen, bevor diese in
der Installation »Der König von Münster« zum Einsatz kommen. (Foto: Snjka)



Die Figuren sind Teil des Kunstereignisses "Der König von
Münster", das am Freitag auf dem Lambertikirchplatz
stattfindet und die letzten Tage der Wiedertäufer
schildert. Die Idee zu der Installation und Performance
stammt von Michael Rickert, Künstler und Kunsterzieher
am KvG.

Werkstatt im Keller

"Eine makabere Welt, die sich hier unten befindet", sagt
Michael Rickert und hält die Tür zum Kellergeschoss auf.
Das "plopp, plopp" ist das Geräusch von tropfendem
Kleister. Rickert weicht einer Lache auf dem Boden aus
und schiebt sich zwischen den Figuren durch, insgesamt
sind es 50 Stück aus Papiermaché.

Aus einem Raum am Ende des Ganges dringt das
Gelächter der Schüler, die an den Figuren arbeiten. Der
Boden dort ist übersäht mit Papierfetzen und
Kleisterspuren, man rutscht leicht aus. "Wie wir das
wieder sauber kriegen? Das weiß ich auch noch nicht
genau", meint Rickert und lächelt.

Ein halbes Jahr lang haben Schüler der Kunst-Grund- und
Leistungskurse an den Skulpturen gearbeitet: Zu sehen
sind Jan van Leiden, seine Hauptfrau Divara, der Hofstaat
und die Bürger des damaligen "Gottesstaates" in
Münster. Gesichtszüge, Haare und Falten, die die Kleider
werfen, wurden präzise geformt.

Zeichnung und Tonmodell

"Wir haben zuerst Freihandzeichnungen gemacht und
später Figuren aus Ton modelliert", erzählt Gymnasiastin
Melissa. "Die eigentlichen Skulpturen haben wir gedrahtet
und später mit Recycling- und Toilettenpapier und Kleister
verkleidet." Vorteil: Kleine Fehler, zum Beispiel in den
Kleiderfalten, können nachträglich ausgebessert werden.

Die Skulpturen wirken, als ob sie mitten in der Bewegung
erstarrt seien. "Alle Figuren erzählen eine Geschichte",
erklärt Rickert. "In der Performance werden sie scheinbar
zum Leben erweckt." Für die Aufführung werden die
"Akteure" mit Bussen in die Innenstadt transportiert.

Was Rickert inspiriert hat? "Ich erinnere mich noch, dass
ich als kleines Kind zum ersten Mal die eisernen Käfige an
der Lambertikirche gesehen habe - und an den Schauder,
den sie ausgelöst haben", erzählt Rickert.

Die Treppe ist mit unzähligen Großpackungen
Toilettenpapier versperrt - Nachschub für die Baustelle.


Von Dominique Snjka
Ruhr Nachrichten
21.06.2010
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