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Presse
Wiedertäufer tanzen den Moonwalk
MÜNSTER Der Vesuv bricht aus in Münster. "Der Platz vor der
Lambertikirche wird aussehen, als hätte die Lava von Pompeji die
Menschen mitten in der Bewegung überrascht und konserviert", droht
Pressesprecher Dr. Jörg Bockow. Doch nicht alte Römer erstarren in
Westfalen – sondern die Wiedertäufer.



Die Schüler Sabrina Semrau, Lukas Sandfort und Lara Hirsch (v.l.) zeigen, wie schick
die Mode des 16. Jahrhunderts war. (Foto: Manuel Jennen)


160 Schüler des Hiltruper Kardinal-von-Galen-Gymnasiums
arbeiten fieberhaft an ihrem Projekt "Der König von
Münster". Am 25. Juni (Freitag), dem 475. Jahrestag
der Täufer-Niederlage, lassen sie das Münster der frühen
Neuzeit mit allen Mitteln der Kunst auferstehen.

Chinesisches Vorbild

Die 50 lebensgroßen Figuren aus Papiermaché vor der
Lambertikirche erarbeitete Lehrer Michael Rickert mit
seinen Kunstschülern des 12. Jahrgangs. Rickert war
elektrisiert, als er im vergangenen Herbst in der
Frankfurter Schirn-Kunsthalle die Skulpturengruppe "Hof
für die Pachteinnahme" sah. Das Werk aus dem
maoistischen China der 1960er Jahre zeigt in
hyperrealistischer Drastik die Ausbeutung von
Landarbeitern in der Feudalzeit.

Ein ähnlich dramatisches Thema schwebte Rickert auch für
Münster vor. Die Wahl fiel ihm leicht: "Schon als ich 1957
zum ersten Mal als Junge aus dem Sauerland nach
Münster kam, wusste ich: Ich will was mit diesen Käfigen
an der Lambertikirche machen!", erzählt Rickert.

Also nahmen sich die Schüler die Wiedertäufer vor.
Zeichneten Entwürfe, verbogen Puppen, formten Modelle
in Ton. Und schufen schließlich detaillierte lebensgroße
Figuren mit weißen Körpern aus Toilettenpapier und
Gipsmasken. Jan van Leyden wird auf einem Thron sitzen,
die Käfige hoch über seinem Haupt.

Pop-König

Aber eine Skulpturen-Ausstellung allein war den Galen-
Schülern nicht genug. Geschichts-, Deutsch- und
Musikkurse schlossen sich an. In historischen Gewändern
werden die jungen Leute nächste Woche um die Figuren
auf dem Kirchplatz streifen, Theater spielen – und tanzen.
Für die Choreografie ist Schüler Tarek Naboulsi aus Ahaus
verantwortlich.

Und die Zuschauer dürfen sich auf Überraschungen
gefasst machen, denn es werden nicht nur Schreittänze
der Renaissance geboten, sondern auch der Moonwalk
von Michael Jacksen. Musiklehrer Frank Bennemann hat
Ähnlichkeiten zwischen dem Täuferkönig Jan und dem
King of Pop ausgemacht. "War nicht auch die Ranch
Neverland so eine illusionäre, paranoide Festung wie das
Münster der Täufer?", fragt er.

Die Wiedertäufer als Smooth Criminals: Das ist auf jeden
Fall einen Blick wert.

Aufführungen am 25. Juni (Fr) um 14.30 und 16 Uhr auf
dem Lambertikirchplatz in Münster, Eintritt frei. Vortrag von
Prof. Lutterbach über die Täufer in der Dominikanerkirche:
21. Juni (Mo), 19 Uhr.



Von Manuel Jennen
Ruhr Nachrichten
16.06.2010
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