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Die Renaissance bereitet den Weg
Die Wiedertäufer im Spiegel der Geistesgeschichte
Die Renaissance ist viel mehr als bloß ein Stil oder Stilbegriff, vielmehr muss
unter Renaissance eine Revolution der Geistesgeschichte des Abendlandes
verstanden werden. Denn nur hier gab es diese radikale Entwicklung.

Erste Anfänge der Renaissance verbinden sich mit einem Maler des nörd-
lichen Italien: Giotto di Bodone. Der zeigt innerhalb weniger Jahre in seinem
Werk eine totale Veränderung seines bisherigen Schaffens.

Sind es anfänglich noch die gotischen Bilder auf Goldgrund mit byzantini-schen
Figuren in Bedeutungsgröße, so tauchen vor Landschaften kurze Zeit später (ab
etwa 1325) Menschen in natürlicher Größe auf. Sie wirken individuell und
werden fast porträtiert. Und genau das ist das Wesentliche der Renaissance:
Der Mensch in seiner Natürlichkeit, inmitten seiner Welt, ist plötzlich der
Gegenstand der Betrachtung der damaligen Intellektuellen und Künstler. Dies
markiert den geisteswissenschaftlichen Umbruch vom theozentrischen Weltbild
des Mittelalters zum anthropozentrischen Weltbild der Neuzeit.

Diese Entwicklung findet zunächst ausschließlich im Quattrocento Nord-italiens,
vor allem in den Stadtrepubliken statt, allen voran in Florenz. Es sind die
Malerei und die Bildhauerei, die diese neue Kunstform in der ersten Hälfte des
14.Jahrhunderts voran treiben. Mit der Kuppel des Florentiner Doms und dem
angedachten Zentralbau wird die Renaissance auch in die Architektur
übersetzt. Und so müsste diese Epoche eigentlich nach dem italienischen
Rinascità heißen, denn auch das heißt: Wiedergeburt.

Diese Wiedergeburt bezieht sich auf die Wiederentdeckung der Antike. Dass
sich der französische Begriff dann als Terminus eingebürgert hat, hat nicht
unwesentlich damit zu tun, dass sich diesen Stil, der auf den Absolutismus und
seine Prachtentfaltung zustrebende französische Hochadel zueigen machte,
dem man dann hierzulande in Deutschland gerne nacheifern wollte.

Die Rückbesinnung auf die Philosophie und Literatur der Antike bietet den
Künstlern dieser Zeit grenzenlose Möglichkeiten, die Vorstellungswelt ihrer
Zeitgenossen zu erweitern und in neuen Techniken eine Jahrtausende nicht da
gewesene Blüte der Künste und Wissenschaften zu erreichen. Wer kennt nicht
die Namen der Großen dieser Zeit: Michelangelo, Leonardo, Raffael, und
Tizian, um nur einige zu nennen?

Zweifellos war es der unvorstellbare Reichtum der damaligen Bankiers – so
muss man sie nennen – des Hauses Medici, ohne den dieser epochale Um-
bruch nicht denkbar gewesen wäre. Denn Zirkel von Künstlern und Intellektu-
ellen, die sich um die Medici scharten, bedurften dieses Geldes, um ihre
sündhaft teuren Projekte in die Tat umsetzen zu können. Den Medici taten es
bald auch andere Potentaten auch an anderen Orten nach. Die Renais-sance
breitete sich in ganz Europa aus.

Nach Deutschland kam die Renaissance erst viel später. Auch hier waren es
die Maler, die diese Entwicklung und neue Geisteshaltung begierig auf-
nahmen, allen voran Dürer mit seinen Kontakten nach Italien, bald gefolgt von
solchen Genies wie Cranach d. Ä. oder Holbein d. J. Bezeichnend dabei ist
deren Affinität zur Reformation, die gerade den deutschsprachigen Raum
erschütterte, ein Glaube, der ganz bewusst den Menschen und seine Indivi-
dualität theologisch wahrnimmt.

Bis dahin findet in Deutschland noch immer die Gotik ihren Ausdruck, in ihrer
Spätform des 15. und anfänglichen 16.Jahrhunderts – allerdings in einer un-
geheuren Formen- und Farbenvielfalt. Die Architektur dieser Zeit entdeckt
immer neue Möglichkeiten der Verzierung, eines der schönsten Beispiele dafür
ist die – man möchte sagen – weltberühmte St. Lamberti-Kirche in Münster mit
ihrer beispiellosen Weite im Innern der doch eigentlich im Grundriss
kleinflächigen Kirche.

Dass von ihren Verzierungen und Ausschmückungen im Innern so wenig zu
sehen ist (man möchte sagen: sie wirkt fast kahl!), hat sicherlich auch mit den
Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges zu tun, geht aber ganz wesent-lich auf
die Ikonoklaste, also auf den Bildersturm der Täufer in Münster zurück. Sie
schlug Alles, was nur entfernt an den römischen Glauben erinnerte wie der
Bilder- und Figurenschmuck, in ihrem religiösen Wahn kurz und klein.

Derart entleert, derart im Innern zerstört, bot die Kirche dann ihrem Zerstörer
Jan van Leiden die Möglichkeit, sich samt seiner zahlreichen Frauen und
Kinder in diesem brutal säkularisierten Gotteshaus als seine Residenz ein-
zurichten.

So zeigt die Geschichte dieser Kirche exemplarisch, wie janusköpfig die Re-
formation in Deutschland wirkte: Zum Einen war sie hier der Türöffner der
Renaissance, erklärtermaßen weltoffener Humanismus, der den Menschen
neue Möglichkeiten ihrer individuellen Entfaltung auftat, zum Andern aber war
sie in ihrer religiösen Verblendung wie hier im Täuferreich in Münster ein Weg
zurück in finstere Barbarei und Menschenverachtung.


Michael Rickert
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