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Unsagbares verstehen
Zum musikalisch-tänzerischen Programm der Performance
"Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf; eine Welt, in der er
alle durch Begriffe bestimmbaren Gefühle zurücklässt, um sich dem
Unaussprechlichen hinzugeben."


Dieser Gedanke aus der Feder des großen Romantikers und Universalgenies E.T.A.
Hoffmann umschreibt gewissermaßen den Leitgedanken für unser musikalisch-
tänzerisches Programm der Inszenierung "Der König von Münster". Es geht darum,
das zum Ausdruck zu bringen, was sich letztlich nur unzulänglich und nur indirekt in
Worte fassen lässt. Mit den Worten des Musiktheoretikers und Philosophen Theodor
W. Adorno: Es geht um die "Sagbarkeit des Unsagbaren".

Neben der bildenden Kunst und dem gesprochenen Wort, die dieser Inszenierung
Ausdruck verleihen, ist es zum Verständnis dessen, was in dieser Inszenierung ins
Licht der Öffentlichkeit gerückt werden soll, notwendig, sich auf die musikalischen
Anteile einzulassen. Sie sollen hier skizziert werden.

Es gibt in der Menschheitsgeschichte zwei Urgründe für die Existenz und die
Faszination von Musik: die feierliche Ausgestaltung kultischer Handlungen sowie die
Motivation und Animation zu körperlichem Gefühlsausdruck, also Tanz. Beide
Ursprungssituationen hatten gerade in der Renaissance einen hohen Stellenwert.
Sie sind zugleich atmosphärisch-emotionale Zeugnisse von hoher Aussagekraft, die
die geschichtliche Situation nicht nur kognitiv, sondern auch emotional begreifen
lassen. Und eben darum geht es, wenn das Unsagbare sagbar gemacht werden
soll: Die Musik vermittelt das atmosphärische Fluidum, das szenisch-dramatisch,
bildnerisch und textlich nicht vermittelt werden kann.

Daher nimmt die Darbietung eines Renaissance-Tanzes während der Täufer-
Performance einen bedeutenden Stellenwert ein. Entschieden haben wir uns für den
Branle de Bourgogne Das ist ein ursprünglich aus Frankreich stammenden
Volkstanz, der allerdings auch in höfischen Kreisen beliebt war. Diesem Interesse
vornehmer Kreise haben wir es zu verdanken, dass wir relativ viel über diese
Tanzformen in Erfahrung bringen können.

Branlen sind in erster Linie Gemeinschaftstänze, bei denen viele Menschen zur
gleichen Zeit die gleiche Bewegung machen und somit eine Einheit darstellen. Das
Gemeinschaftsgefühl zeigt sich besonders in der Kreisaufstellung, denn der Kreis
hat weder Anfang noch Ende, und es gibt keinen Anführer und keine Mitläufer.
Zudem ist bei einem Kreis das Interesse aller auf ein imaginäres Zentrum, eine
gemeinsame Idee ausgerichtet. Gerade dieser kulturgeschichtliche Hintergrund
macht eine Branle für den Themenkreis der Wiedertäufer so wertvoll.

Natürlich kommt der Musik zugleich die Aufgabe zu, den religiösen Geist der
Täufergemeinde zum Ausdruck zu bringen. Wie könnte dies besser vermittelbar sein
als durch Choralmusik? Unsere Recherchen förderten einige musikologisch und
kirchengeschichtlich höchst interessante Fakten zutage: Die Münsteraner
Täufergemeinde verfügte nicht, wie man vermuten möchte, über selbst verfasstes
Liedgut, sondern griff im Wesentlichen auf den gerade neu entstandenen und
bereits weit verbreiteten protestantischen Kirchenchoral zurück, freilich nicht, ohne
die Texte Luthers ganz explizit auf die eigene Situation zu beziehen. Verbürgt ist in
diesem Zusammenhang ein selbst heute noch geläufiger protestantischer Choral,
der sich in verblüffender Weise auf die Belagerungssituation Münsters während der
Täuferherrschaft beziehen lässt:

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst er's jetzt meint,
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau'r er sich stellt, tut er uns doch nicht;
Das macht, er ist gericht': ein Wörtlein kann ihn fällen.

Im Verlaufe der Performance wird es im musikalischen Sinne hochdramatisch
zugehen. So ist die Geschichte der Täufer nicht nur literarisch verwertet worden,
sondern auch in die Operngeschichte eingegangen. Aus Giacomo Meyerbeers Oper
"Le prophète" präsentiert die Sopranistin Sigrid Schnegelsiepen-Sengül in der Rolle
der Mutter des Täuferkönigs zwei Arien, die in den emotionalen Abgrund des
Täufergeschehens blicken lassen.

Wie lässt sich aber der am 25. Juni 2010 verstorbene Michael Jackson in eine
weitgehend historisierende Inszenierung integrieren? Eigentlich gar nicht bzw. wenn,
dann nur als bewusster Fremdkörper und Persiflage.

Gleich zu Beginn der Performance erscheint der "King of Pop", in seinem typischen
Moonwalk. Er wirbelt mit dem in diesem Falle programmatisch zu verstehenden
Welthit "Beat it" ("Hau ab!") die Renaissance-Kulisse auf. Es scheint als habe sich
Michael Jackson irgendwie in der Zeit verirrt. Am Ende ist es noch einmal der
hibbelige Jackson, der sich selbst als gescheiterter Heilsbringer in Szene setzt,
bevor das missionarische, gleichzeitig versöhnliche "Heal the world" die Szenerie
beschließt.

Es sei an dieser Stelle betont: Verbindungslinien zwischen Jackson und Jan van
Leiden lassen sich durchaus ziehen. Man beachte nur einmal die
Persönlichkeitsaspekte wie das Sendungsbewusstsein sowie die persönliche Tragik
und Faszination, die von beiden "Königen" ausgehen. Allerdings ist es durchaus
gewollt, dass die Verbindung und der Vergleich zwischen Jan van Leiden und
Michael Jackson nicht glatt aufgehen werden. Das Publikum wird sich vermutlich
gerade an dieser provozierenden Gegenüberstellung unserer Inszenierung reiben.
Aber dies hat mehr mit der Performance als Gesamtkunstwerk und weniger mit den
musikalischen Aspekten der "König-von-Münster"-Inszenierung zu tun.


Frank Bennemann
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