Folgen Sie uns:
Materialien
Aufstieg und Fall der Wiedertäufer
Eine historische Skizze
Sie sind ein besonders düsteres Kapitel der Stadtgeschichte: Die Wiedertäufer zu
Münster. In den Jahren 1534/35 errichtete diese neue Glaubensbewegung in
Münster das "Neue Jerusalem" mit dem Ziel, eine neue Gesellschaftsordnung
durchzusetzen. Doch statt eines idealen Zusammenlebens bekamen die
Münsteraner durch diese Bewegung, die aus der Reformation hervorgegangen war,
Belagerungen und Hungersnöte zu spüren: Zustände, die letztlich nur durch ein
Blutbad beendet wurden.


Im 16. Jahrhundert fanden überall im deutschsprachigen Europa die Lehren Martin
Luthers neue Anhänger. Die Reformation wurde zu einer Volksbewegung, die das
Volk aufbegehren ließ und spaltete. Die römisch-katholische Kirche war noch
weitgehend dem Mittelalter verhaftet, was viele an dem Anspruch der Kirche zweifeln
ließ und eine regelrechte Glaubenskrise auslöste. Durch die Reformation angeregt,
wollten viele Gläubige das Evangelium in seiner ursprünglichen Form verwirklicht
sehen. Seit 1520 breitete sich innerhalb der Reformationsbewegung das Täufertum
als eine radikale Gruppierung aus, der selbst das Luthertum nicht weit genug ging.

Die Wiedertäufer propagierten, dass sich nur mündige, also erwachsene Christen
bewusst zur Taufe entscheiden könnten. Daher sei die Kindstaufe ungültig und
müsse im Erwachsenenalter wiederholt werden. Die von der lutherischen
Reformation Enttäuschten schlossen sich in Scharen der neuen Religion an, deren
Endzeit-Verkündigungen sich durch Seuchen und besondere Konstellationen der
Sterne und Planeten zu bestätigen schienen. Die Täufer legten die Bibel wortwörtlich
aus und wollten nach den Buchstaben der "Heiligen Schrift" leben. Alle Sakramente,
außer der Taufe, wurden abgelehnt.

Es bildeten sich Splittergruppen so z.B. die radikal niederdeutsche bzw.
niederländische Bewegung der Melchioriten, deren Name von ihrem theologischen
Anführer Melchior Hofman stammt. Münster bot sich insofern als Ort für das "Neue
Jerusalem" an, als hier bereits seit den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts
innerstädtische Auseinandersetzungen zwischen Handwerkern und römisch-
katholischem Klerus stattgefunden hatten. Die Landesherren wechselten in kurzer
zeitlicher Abfolge und seit 1532 gehörte die Stadt zum Herrschaftsgebiet des
Fürstbischofs Franz von Waldeck, der nach mehreren Querelen evangelische
Prediger in der Stadt akzeptieren musste. Lediglich die Kirchen und Klöster konnte er
dem katholischen Glauben erhalten. Da Waldeck Glaubensfragen eher von der
machtpolitischen Seite betrachtete, herrschte bei den Ständen und Gildevertretern
eine skeptische Haltung gegenüber der Obrigkeit und der Kirche, die begünstigt
wurde durch provokante Predigten Bernd Rothmanns, dem theologischen Sprecher
der Handwerkergilden.

Rothmann, der 1533 eine neue Gottesdienstordnung ausarbeitete, hatte sich
inzwischen der Täuferbewegung angeschlossen, doch seine mit Nachdruck
geforderte Erwachsenentaufe spaltete die Reformbemühungen in der Stadt.
Dennoch war Münster zu dieser Zeit ein Sammelbecken für Protestanten aus allen
Himmelsrichtungen, worunter sich auch viele Täufer aus den nahegelegenen
Niederlanden befanden.

Als Prediger und Propheten der apokalyptisch-chiliastischen Bewegung konnten sich
Jan Matthysz, ein Bäcker aus dem niederländischen Haarlem sowie der Gastwirt Jan
Bockelson aus Leiden (genannt Jan van Leiden) in Münster Akzeptanz verschaffen,
besonders letzterem wird eine mitreißende Rhetorik und charismatische
Überzeugungskraft zugeschrieben.

Beide forcierten ab 1534 die "Reinigung der Stadt" zugunsten der Errichtung des
"Neuen Jerusalems", was im Februar 1534 zu einem Bildersturm führte, bei dem
Klöster und Kirchen verwüstet, Bücher und Gemälde verbrannt sowie Altäre und
Heiligenstatuen zertrümmert wurden.

Da die zeitgleich eingeführte Erwachsenentaufe dem Reichsrecht widersprach,
intervenierte der Fürstbischof und forderte vom Stadtrat die Auslieferung der Täufer,
was dieser jedoch verweigerte. So blieb den Münsteranern, die sich nicht taufen
lassen wollten, nur die Flucht bzw. Vertreibung. Dass die Stadt, um die der
Landesherr einen Belagerungsring gezogen hatte, monatelang uneinnehmbar
schien, verstärkte die Macht der Täufer.

Sie begannen mit einer radikalen Umstrukturierung der städtischen Gesellschaft, wie
z.B. der Einführung der Gütergemeinschaft, d.h. der Abschaffung allen Privat-
besitzes. Führte schon die Radikalität, mit der diese gesellschaftlichen Ideale von
den Täufern durchgesetzt wurden, zu Kritik innerhalb der Stadt, so stieß der
zunehmende Endzeitwahn nicht minder auf Ablehnung: Jan Matthysz erklärte
Münster zum uneinnehmbaren "Neuen Jerusalem" und prophezeite die Wiederkunft
Christi für Ostern 1534. Als das Erscheinen Christi ausblieb, zog Jan Mathysz, der
sich für den in der "Geheimen Offenbarung" des Apostels Johannes geweissagten
Propheten Henoch ausgab, vor die Stadt, wo er von den Belagerern
erschlagen wurde.

Sein Nachfolger wurde der 25jährige Jan van Leiden, der die Bewegung noch weiter
radikalisierte und sich im September 1534 selbst zum "König der Gerechtigkeit im
Neuen Tempel" ausrufen ließ. Ihm zur Seite standen Bernd Rothmann als
"Worthalter" und Bernd Knipperdoling als "Statthalter".

Die "Gemeinde Christi" bestand aus rund 1.800 Männern, 4.900 Frauen und 1.200
Kindern, die nach dem Ideal der biblischen Urgemeinde in einer Gütergemeinschaft
lebten. Im Sommer 1534 hatte die Täuferbewegung aus Fürsorge und Versorgungs-
gründen (die Relation Frauen Männer in Münster entsprach in etwa einem Verhältnis
1:3) die Vielweiberei eingeführt. Jan van Leiden ging "mit gutem Beispiel" voran und
hatte neben der Witwe seines Vorgängers Jan Matthysz während seiner kurzen
Regentschaft einen förmlichen Harem von zuletzt 15 Nebenfrauen – ganz nach dem
Vorbild des biblischen Königs Salomon.

Die erneute Taufe wurde unter Androhung der Todesstrafe zur Pflicht für alle. Der
Dom wurde geplündert, alle Bücher außer der Bibel verboten und verbrannt. Gold-
und Silberschmuck mussten abgegeben und Haustüren durften nicht verriegelt
werden. Privateigentum wurde verboten, Arbeit wurde im Dienst der Gemeinschaft
unentgeltlich verrichtet. Auf eine Vielzahl von Vergehen stand die Todesstrafe, die in
der Regel sofort und durchaus auch eigenhändig von Jan van Leiden und Bernd
Knipperdolling vollzogen wurde. Selbst als eine der Frauen von Jan van Leiden
aufbegehrte und angesichts der ausbrechenden Hungersnot ihren Schmuck abgab
und die Stadt verlassen wollte, wurde diese vor den Augen der Anhänger kurzerhand
als Ungläubige und Abtrünnige enthauptet.

Neben diesen umstrittenen gesellschaftlichen Veränderungen litt die Stadtbe-
völkerung unter den Begleiterscheinungen der monatelangen Belagerung: Die
Hungersnot war so groß, dass der weiße Kalk von den Kirchenfassaden abgekratzt
und in Wasser aufgelöst als Nahrung getrunken worden sein soll.

Nach ca. eineinhalb Jahren konnten die Belagerungstruppen am 24. Juni 1535
Münster stürmen, wobei ca. 650 Anhänger der Täufer getötet wurden. Diejenigen, die
dem Glauben abschworen, wurden aus der Stadt vertrieben. Vor allem Frauen und
Kinder irrten mittel- und hilflos in der Umgebung von Münster umher, bis sie von der
Landbevölkerung aufgenommen wurden oder bei Verwandten und Freunden
unterkamen.

Während Bernd Rothmann und der "Reichskanzler Heinrich Krechting" entkommen
konnten, wurden die drei Anführer der Täuferbewegung Jan van Leiden, Bernd
Knipperdolling und Bernd Krechting, festgenommen. Ihnen wurde der Prozess
gemacht und sie wurden am 22. Januar 1536 gemäß der kaiserlichen
Halsgerichtsordnung mit glühenden Eisenzangen hingerichtet. Ihre sterblichen
Überreste wurden in eigens dafür angefertigten Käfigen zur Abschreckung am
St. Lambertikirchturm aufgehängt.

copyright © 2010 | www.freischwimmedia.de | all rights reserved