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Konzept
Eine Idee entwickelt sich
Wie das Projekt "Der König von Münster" entstand
Dass Idee und Kunst etwas miteinander zu tun haben, ist eine Binsenweisheit,
schließlich gibt es keine Kunst ohne eine vorherige Idee. Aber wie ist es anders herum?
Gibt es eine Idee ohne Kunst?

Die Schwierigkeit beginnt da, wo man sich fragen muss: Was ist Kunst, was bedeutet
überhaupt Idee? Ein ungeheures Dilemma: Es gibt wenig Begriffe, die derart komplex
diskutiert werden.

Es gibt unzählige Versuche, Kunst zu definieren; einer stammt von Friedrich Schiller:
"Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst." Wenn man denn unter heiter lebensbejahend
und fröhlich verstehen will, trifft dieser Versuch einer Erklärung auf dieses Projekt schon
zu. Und sie betrifft zugleich ein wesentliches Anliegen in Schillers OEuvre, in dem er
über das menschliche Glück nachdenkt.

Friedrich Schiller hat mit der Ästhetischen Erziehung einen großen Beitrag zum
Humanismus geleistet, ohne den die modernen Gesellschaften wie unsere nicht
konfliktfrei existieren könnten. Darin stellt er den Begriff vom individuellen,
menschlichen Glück als entscheidendes Moment für ein Gelingen menschlicher
Gesellschaften heraus.

Eine Voraussetzung von Glück ist eine Lebensgestaltung, in die bewusste
Wahrnehmung und die Entwicklung von kreativen Ideen für sich und die Welt einen
Platz haben. Erkenntnis ist der auslösende Faktor, dass der Mensch sein Glück in der
Wahrnehmung von sich in der Welt erfährt.

Der Begriff "Idee" stammt aus dem Griechischen. "Idein" bedeutet: sehen, wahrnehmen,
erkennen. Damit sind wir in der Ästhetik, einer philosophischen Disziplin. Unterstellt
wird dem Vorgang des Sehens, dass in der Wahrnehmung ein Erkenntnisgewinn liegt.

Ohne eine Fortentwicklung der Kunst in ständig neuen Ideen gäbe es sicherlich diesen
hohen Stellenwert von Kunst in unserer Gesellschaft nicht. Ohne sie gäbe es für den
Menschen wenig Anreiz, sich über die Kunst mit der Welt und den Möglichkeiten der
Phantasie auseinanderzusetzen.

Insofern ist die Frage, wie ich als bildender Künstler und hauptberuflicher Kunsterzieher
zu dieser Idee komme, eigentlich ein bisschen seltsam: Es ist ja schließlich mein Beruf,
so etwas zu machen. Meine Aufgabe ist es Ideen zu entwickeln!

Eine Idee ist immer individuell. Eine Idee entwickelt sich immer, sie hat also immer
einen Anfang. Nicht unbedingt aber ein Ende! Der Anfang einer Idee liegt immer in der
individuellen Erfahrung, was heißt: in dem ungeheuren Bilderspeicher eines Lebens,
den man als Mensch mit seiner Geburt anlegt, um das zu werden, was man schließlich
ist: man selbst.

An der Hand meiner Mutter besuchte ich 1957 Münster. Abgesehen von den noch
deutlich erkennbaren Kriegszerstörungen brannten sich in mir zwei Bilder ein:
einmal der Eulenkäfig im alten Zoo, dann die Käfige am Turm von St. Lamberti. Sie ließen mich
nicht mehr los.

Als ich im vergangenen Jahr die Zeitschrift ART durchblätterte, fiel es mir wie Schuppen
von den Augen: Dort wurde von einer Ausstellung in der Schirmhalle in Frankfurt/M.
berichtet, wo eine vielköpfige Schar lebensgroßer Skulpturen aus dem Rot-China der
sechziger Jahre zu sehen war. Diese Skulpturen zeigten eine Szene, wo ein
Großgrundbesitzer mit seinen Schergen die von ihm abhängigen Bauern presste und
schikanierte. Ein ungeheuer dramatisches und lebendiges Ensemble.

Dieses Werk bot in seiner Besonderheit den Anlass, über seine Umsetzung in der
Schule nachzudenken: Viele individuelle Künstler müssen daran mitwirken. Jeder dieser
Künstler erzählt individuell über seine Figur eine Geschichte. Diese steht immer im
Zusammenhang mit den anderen Figuren. Und alle zusammen erzählen eine
gemeinsame Geschichte. Wie gemacht für Schule!

Schulunterricht organisiert sich immer in Gruppen, in Klassen und Kursen.
Gemeinsames Lernen und Arbeiten ist das Grundprinzip. Sich im sozialen Kontext ein
eigenes Ziel zu setzen und es im sozialen Kontext zu erreichen, hat den höchsten
Stellenwert in der Hierarchie unserer Lernziele.

Für die zweiten Halbjahre der Stufen 11 und 12 sieht unser Fachcurriculum Kunst die
Beschäftigung mit der Dreidimensionalität vor, allerdings unter unterschiedlichen
Aspekten. Ich unterrichte einen Grundkurs 11 und einen Grund- und einen
Leistungskurs in der Stufe 12. Und so bin ich auf die Idee vom König von Münster
gekommen.


Michael Rickert
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