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Das Finale
Ein Fazit
einer Geschichts- und Deutsch-Lehrerin
"Sag mal, hast du einen Geschichtskurs in der Oberstufe?
Ich plane eine Kunstinstallation zum Hof der Wiedertäufer,
es wäre schon ganz schön, wenn das Ganze historisch unterfüttert würde.
Ach ja, Frank Bennemann macht auch mit Schülern Musik dazu und
ich habe Claudia Gremmler gefragt, ob ihr Literaturkurs die Skulpturen beleben kann" –
so fing meine Arbeit im Kreativteam an.
Ich fand die Idee faszinierend, mal aus dem Schwerpunkt der Nationalgeschichte
des 19. Und 20. Jahrhunderts herauszugehen in die Lokalgeschichte und
v.a. die Mentalitätsgeschichte in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen,
also die Geschichte für Schüler quasi zum Leben zu erwecken, greifbar zu machen.
Da mein einziger Oberstufen-Geschichtskurs 13er waren,
startete ich einen Aufruf in den Jahrgangsstufen 11 und 12 für eine
Geschichts-AG, in der sich letztlich sechs interessierte SchülerInnen einfanden.
Als Vorwissen kannten sie natürlich die Käfige am Lambertikirchturm und das,
was man so im Heimatkundeunterricht lernt, also galt es zunächst einmal sich einzulesen.

In der nächsten Phase war es interessant zu sehen, wie bisherige Vorstellungen
der Schüler bezüglich der Münsteraner Lebenswelt auf den Kopf gestellt wurden:
Wie konnte sowas im katholischen Münster passieren?
Haben die Leute wirklich an diese angeblichen Himmelszeichen geglaubt?
Der Bokelson war doch eigentlich gar kein Theologe…
Darauf aufbauend eignete sich jeder zu einem Spezialthema Wissen an,
was wiederum den anderen AG-Teilnehmern vorgestellt wurde.
Unsere Überlegungen, wie man dieses Wissen in einer Installation präsentieren könnte,
gingen dahin, dass die AG-Mitglieder in Kostümen die historischen
Ereignisse vorstellen würden und der Literaturkurs diese Fakten
durch Schauspiel illustrieren sollte –
schließlich konnten wir den Papiermaché-Skulpturen keine erläuternden Täfelchen umhängen.

Doch so viel Zeit, wie wir am Anfang zu haben meinten, hatten wir gar nicht;
das Projekt nahm an Fahrt auf und wir stellten schnell zweierlei fest:
Erstens dass die Trennung von Historie und Schauspiel nicht klar zu definieren war und
zweitens, dass wir gar keine Zeit hatten, unsere historischen Recherchen auszudehnen;
Also reagierten wir auf diese Dynamik, indem wir uns überlegten,
kurze Szenen quasi als Schlaglichter im schnellen Wechsel über den
gesamten Kirchplatz zu schicken. Die wesentlichen Eckpunkte stellten die Schülerfragen
an das historische Geschehen dar und natürlich:
Wo ist die Verbindung zu Michael Jackson?!
Allein die Datumskoppelung reichte nicht aus,
aber in den vielen TV-Dokumentation zum King of POP,
zum König Einsam, zeichneten ihn als jemanden,
der ein Stück weit messianische Züge vorgab
und dass etwas gut Gemeintes schlecht enden kann.
Unter dem Motto kam die Montage der Szenen zustande,
an der Frau Dr. Gremmler, Herr Bennemann und ich feilten, kürzten und ergänzten,
bis uns die Zusammenstellung rund erschien.

Dieses Auszuprobieren war zentrales Element der nächsten Phase,
die die Geschichts-AG am 15. Juni auf dem Sportplatz unserer Schule zusammen mit dem
Literaturkurs einläuteten. Es gab keine Berührungsängste,
dass plötzlich 6 Elftklässler völlig selbstverständlich in dem Zwölferkurs mitarbeiteten,
ihre Nachfragen und Anregungen wurden Ernst genommen und man hatte den Eindruck,
alle arbeiteten in der Tat konzentriert auf ein gemeinsames Ziel hin.
Dadurch nahm der Ablauf zwar Konturen an, aber wie da Michael Jackson,
tanzende Zehntklässler und eine Operndiva integriert werden sollten,
das hörte sich nach wie vor abenteuerlich an.

Wie soll das bloß alles klappen? Mit diesem Gedanken kam sicherlich nicht nur ich
am 25. Juni auf dem Lambertikirchplatz an und konnte beobachten,
wie die Busse vorfuhren, gut gelaunte Schüler ausstiegen und
das erste Aufsehen erregten. Haben die eigentlich kein Lampenfieber?
Diese Frage schoss mir durch den Kopf, als die muntere Truppe gemeinsam die Skulpturen aus dem Bus lud,
die Kostüme ins Pfarrheim brachte und am Ort des Geschehens
wie selbstverständlich den interessierten Passanten Rede und Antwort standen.

Aber was wäre eine Performance ohne PR und schon hatten sich Schüler
des Literaturkurses Gedanken gemacht, welche Informationen denn gegeben
werden müssten und verlasen ihren Text in der Stunde vor der jeweiligen
Performance im 10 Minutentakt in einer Selbstverständlichkeit,
als ob dies schon ewig so geprobt worden wäre.

Aber die eigentliche Generalprobe kam mit der ersten Aufführung,
in der die Schüler wirklich erstmalig als Gesamtheit agierten als Musiker,
Schauspieler und Tänzer und erstmalig auch der Michel Jackson Darsteller und
die Diva involviert waren. Doch außer kleinerer technischer Probleme lief die
Vorführung problemlos ab und die Schüler begriffen eigentlich erst hinterher,
was sie da gerade geleistet hatten, kritisierten konstruktiv, schlossen sich mit
den Tontechnikern kurz und es wurde deutlich, dass sie sich nun mit dem Projekt endgültig
identifizierten, was zu einer zweiten Vorführung motivierte, die um Klassen besser war
als die erste. Ich habe noch nie erlebt,
dass sich Schüler in einer so kurzen Zeit qualitativ so verbessert haben.
In dieser Darbietung wuchsen sie wirklich über sich hinaus.

Auch nach dem Ende, wo man normalerweise den Effekt kennt,
dass jeder einfach nur noch nach Hause will, halfen sich die Schüler untereinander,
die Skulpturen wurden einträchtig in die Busse geladen, die Kostüme wurden sinnvoll und
sorgfältig für den Transport gebündelt und dem Pfarrheim sah man hinterher
wirklich nicht an, dass dort 160 Schüler einen ganzen Tag verbracht hatten.

Wenn ich nun auf die Projektarbeit zurückblicke,
dann denke ich gerne an die Zusammenarbeit mit Claudia Gremmler, Frank Bennemann
und Michael Rickert : Jeder von uns arbeitete mit seiner Lerngruppe,
aber immer im Wissen darum, dass man selbst nur ein Puzzleteil stellt und
dass man bestimmte Entscheidungen immer vor
dem Hintergrund fällen musste und konnte.
Wir haben wirklich als Team gearbeitet, sodass das Ergebnis insgesamt mehr als
die Summe unserer Einzelleistungen war. Aber was wären wir ohne unsere Schüler?
Ich nehme den Ausspruch von Michael Rickert in einem Interview zu Beginn der
Projektarbeit am Ende des Projekts gerne auf, möchte ihn aber ergänzen:
Wir sind eine tolle Schule, weil Fächer- und Jahrgangsstufen übergreifende Teamarbeit
mit Kollegen möglich ist und wir tolle Schüler haben,
die ihre Energien und Kompetenzen einsetzen,
sodass die Zusammenarbeit Spaß macht und für alle Beteiligten eine ertragreiche Erfahrung ist.


Dr. Anja Sticlic
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