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Das Finale
Resumee zur
Wiedertäufer-Performance
aus der Sicht eines Musikpädagogen
Am Anfang stand die Idee und eine Menge Idealismus.
"Wiedertäuferreich" in Münster! Das war für mich bereits als Student der
Katholischen Theologie und als eingefleischter Münsterländer ein
besonders reizvolles Thema gewesen.
Und natürlich erinnerte ich mich zudem gerne an die bisherigen Gemeinschaftsprojekte mit
meinem Freund und kunsterziehenden Kollegen Michael Rickert.
Die von ihm immer wieder angestrebte Verbindung zwischen den schönen Künsten und
der Geistes- bzw. Glaubensgeschichte sind seit meinen ganz frühen Tagen als Musik- und
Religionslehrer am Hiltruper Kardinal-von-Galen-Gymnasium gewissermaßen
das Salz in der Suppe bzw. die Orchideen in einem Meer von Butterblümchen.
Und wertvolle Gewächse muss man pflegen...!
Also bedurfte es nicht unbedingt besonders ausgefeilter Überredungs und
Belagerungsstrategien, um mich für dieses Performance-Projekt zu vereinnahmen.
Es stellte sich dann allerdings ziemlich schnell die Frage,
welche Rolle die Musik in diesem Gesamtkonzept aus künstlerischen,
historischen, literarischen und musikalischen Aspekten einnehmen sollte.

Diese Rolle sei an dieser Stelle noch einmal kurz skizziert,
da sie andernorts auf dieser Seite bereits umfassend dargestellt wurde:
Die Musik ist gewissermaßen das Fluidum der angestrebten Performance.
In ihr verstärken sich auf der einen Seite die dramatischen und
poetischen Elemente der Aufführung; andererseits ist die
Musik aber vor allem Ausdruck des Lebens- und Glaubensgefühls,
das im Rahmen dieser Aufführung vermittelt werden sollte.
Mit anderen Worten: Sie transportiert unausgesprochen und dadurch besonders
nachdrücklich emotionalen Gehalt und stellt sich somit in den disziplinübergreifenden
Dienst der Vermittlung der Mentalitätsgeschichte.
Was mich dabei als Musikpädagogen besonders "getröstet" und motiviert hat,
ist folgender Sachverhalt: In der gemeinschaftlich entwickelten Performance
kann ihr diese tragende Rolle niemand streitig machen.
Sie wurde somit – und das ist in Performance- oder Theaterprojekten
keineswegs selbstverständlich - nicht einfach zum Beiwerk,
sondern zum unverzichtbaren Wesenselement. Hierfür sei vor allen Dingen den
beteiligten Kolleginnen und Kollegen herzlichst gedankt.
Das Zusammenspiel der involvierten Disziplinen wurde an keiner Stelle zu einer
Konkurrenzveranstaltung, sondern jederzeit war jedem und jeder bewusst,
dass zum Gelingen der großdimensionierten Gemeinschaftsaktion ein
rücksichtsvolles und respektvolles Miteinander erforderlich war.
Wie gesagt: Beileibe nicht selbstverständlich, bedenkt man einmal den Umstand,
das natürlich jeder Fachlehrer das von ihm vertretene Fach für die
allerwichtigste Disziplin im schulischen Fächerkanon hält!

"Und was haben wir davon, wenn wir da mitmachen?" – Dies war die Standardfrage
seitens der beteiligten Musik-Lerngruppen,
denen allerdings auch nicht wenig abverlangt wurde.
Vor allem die für den Gesellschaftstanz ausersehenen zehnten Klassen des
Kardinal-von-Galen Gymnasiums stellten diese Frage durchaus mit Recht!
Schließlich wurde von ihnen erwartet, in quasi-renaissancegetreue Kostüme
zu schlüpfen und öffentlich einen Spring- und Schreittanz vor (und diese
Hoffnung hat sich dann ja auch über alle Erwartungen erfüllt) zahlreichen Besuchern der
Münsteraner Innenstadt auszuführen. Auch die ersten "Tanzstunden" konnten
die grundsätzliche Reserviertheit nicht beheben,
wenn sie auch allseits zur Erheiterung beitrugen.
Der Versuch einer Antwort auf die berechtigte, wenn auch provozierende Frage
hob in der Regel auf die Einmaligkeit eines solchen Vorhabens im Rahmen von
Schule und den Sprung über den eigenen Schatten ab.
Hinzufügen können hätte ich wohlmöglich noch,
dass es nach meinem Verständnis von Schule zu
ihrem prinzipiellen Auftrag gehört, Erfahrungsmöglichkeiten zu initiieren,
die in der außerschulischen Biografie von Schülerinnen und Schülern
nahezu unmöglich sind.

Als ich schließlich die reizvollen Kostüme der Städtischen Bühnen,
die für unser Großereignis vorgesehen waren, zwecks Anprobe vorzeigen konnte,
waren zumindest die tonangebenden Mädchen des erwähnten
zehnten Jahrganges vollkommen überzeugt.
Und welche Überzeugungskraft 15 bis 16-jährige Mädchen allein
durch Augenaufschlag und Bewegungsanmut in der vorgesehenen Verkleidung auf
ihre männlichen Altersgenossen haben, muss ich
an dieser Stelle wohl nicht näher ausführen!
In jedem Fall: Nun hatte ich alle Trümpfe in der Hand.
Es galt nur noch, das nicht unerhebliche Lampenfieber einigermaßen
produktiv in den Griff zu bekommen. Aber da, so meine Erfahrung in
Aufführungssituationen, muss man sich – zumindest bei den Schülerinnen und
Schülern des KvG – keine großen Sorgen machen.
Eine auf den Punkt genaue Konzentration half
auch über die letzten Beklommenheitsattacken hinweg.
Als schließlich das Publikum zur live
eingespielten Renaissance-Tanzmusik in rhythmisches Händeklatschen verfiel,
wurden – zumindest für den Insider deutlich erkennbar –
die Schritte der Tänzerinnen und Tänzer sichtbar sicherer und
offensiver und die Sprünge entsprechend höher ausgeführt.
Die ausführliche Mediendokumentation in Zeitungen und TV führte
schließlich zu einer Gruppeneuphorie, die sich bis zum Schuljahresende
und sogar über die Sommerferien hinaus erhalten sollte.
Ein im Vorhinein sehr skeptischer männlicher Tänzer gab einige Tage nach
der Aufführung folgendes Statement zu seinen Tanzerfahrungen
vor Publikum ab: "Ich hätte vorher nicht für möglich gehalten,
dass ich das überhaupt mache. In der Situation –
unter blauem Himmel vor so viel Publikum – war's schon toll!
Gut, dass ich es gemacht habe und mich nicht verkrochen habe!
So was nennt man wohl: eine Herausforderung annehmen!
Fest steht aber auch: So schnell mach' ich das nicht noch einmal!"


Frank Bennemann
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